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Tarotgeschichte · Quellen und Belege

Hatte das Tarot des 15. Jahrhunderts schon 78 Karten? Die Visconti-Belege

Veröffentlicht am 11. Oktober 2026 · TarotCards24

Die heute vertraute Tarotstruktur mit 78 Karten lässt sich nicht einfach auf jedes frühe Deck übertragen. Das Metropolitan Museum of Art beschreibt ein älteres Visconti-Spiel mit bis zu sechs Hofkarten pro Farbe – darunter männliche und weibliche Varianten der Rangstufen – sowie drei zusätzlichen theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe. Laut Museum ist unklar, ob diese Struktur eine Ausnahme war oder einer späteren Vereinheitlichung vorausging.

Gerade diese Unsicherheit ist aufschlussreich. Frühe Tarotdecks waren keine standardisierten Fabrikprodukte. Erhaltene Karten zeigen Experimente, Entscheidungen einzelner Werkstätten und Unterschiede zwischen Aufträgen.

„Visconti“ und „Visconti–Sforza“ sind nicht dasselbe

Die Namen werden leicht verwechselt. Das Visconti-Tarot und das Visconti–Sforza-Tarot sind unterschiedliche Decks aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Beide stehen mit Mailänder Herrschern und der Werkstatt Bonifacio Bembos in Verbindung. Das Metropolitan Museum zählt beim Visconti-Spiel 69 erhaltene Karten, die sich in der Beinecke Library der Yale University befinden. Das Visconti–Sforza-Deck entstand kurz nach 1450, wahrscheinlich für Francesco Sforza; erhaltene Karten liegen heute unter anderem in der Accademia Carrara und der Morgan Library.

Das Visconti–Sforza-Deck ähnelt stärker der Struktur, die viele Leser kennen: vier Farben, Hofkarten, ein Narr und eine Trumpffolge. Die zusätzlichen Figuren und Tugenden des älteren Visconti-Spiels zeigen jedoch, weshalb Historiker nicht von einem einzigen, überall festen „ersten Tarot“ mit genau 78 Karten ausgehen.

Was die erhaltenen Karten belegen

Die Karten sind handgefertigte Arbeiten auf Karton, mit Farbe und gravierten Goldgründen. Zugleich sind sie Fragmente einer größeren Geschichte: Einzelne Karten fehlen, und die Decks werden nicht geschlossen an einem Ort aufbewahrt. Die Zahl der erhaltenen Karten entspricht deshalb nicht automatisch der ursprünglichen Anzahl. Museumskataloge unterscheiden zwischen dem erhaltenen Bestand und dem, was Forschende rekonstruieren.

Die Bildwelt gehört außerdem zu einer breiteren mittelalterlichen und Renaissance-Kultur. Kaiser, Päpste, Tugenden, Tod und Glück waren bereits aus Kunst und Literatur bekannt. Eine besondere Leistung des Tarots muss daher nicht darin bestanden haben, jede Figur neu zu erfinden, sondern darin, sie zusammen mit gewöhnlichen Farbkarten in eine bestimmte Folge zu bringen.

Das hilft auch beim heutigen Lesen: Eine Karte dokumentiert zunächst ein Bild und die Struktur eines Spiels. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, wie jemand sie um 1450 in einer privaten Legung verstanden hätte. Für Aussagen über Wahrsagerei braucht es zeitgenössische Belege für genau diese Praxis.

Eine Geschichte mit Varianten

Die Visconti-Karten beweisen weder, dass jedes frühe Tarot sechs Hofkarten je Farbe enthielt, noch eine direkte Entwicklungslinie zum heutigen Standarddeck. Sie zeigen, dass mindestens ein frühes Mailänder Tarot anders aufgebaut war und dass sich die bekannte Form aus Varianten entwickelte.

War das Tarot im 15. Jahrhundert also bereits ein Spiel mit 78 Karten? Einige erhaltene Decks ähneln dieser Struktur, doch das Visconti-Beispiel warnt vor einer pauschalen Antwort. Frühe Tarots waren miteinander verwandt, aber nicht völlig einheitlich. Ihre Unterschiede sind historische Belege und keine Fehler, die man an einem modernen Deck messen sollte.

Quellen

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