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Tarotgeschichte · Quellen und Belege

Tarot de Marseille von 1639: Was das Deck von Philippe Vachier verändert

Veröffentlicht am 11. Oktober 2026 · TarotCards24

Im Dezember 2025 nahm die Bibliothèque nationale de France (BnF) ein vollständiges Tarot mit 78 Karten in ihre Sammlungen auf, das 1639 in Marseille hergestellt wurde. Dieser einzelne erhaltene Satz verschiebt einen wichtigen, aber eng umrissenen Punkt der Tarotgeschichte: Das älteste bekannte, in Marseille gefertigte Beispiel ist nun älter als das Pariser Noblet-Tarot, das zuvor als frühester Beleg galt.

Das Deck wird dem Marseiller Kartenmacher Philippe Vachier zugeschrieben. Die Jahreszahl steht auf der Zwei der Münzen; auf der Zwei der Kelche findet sich die Werkstattmarke „À l’enseigne des deux rois“ („Zum Zeichen der zwei Könige“). Die Karten wurden mit Holzstöcken gedruckt und mit Schablonen koloriert. Die BnF bezeichnet den Satz als vollständig und als Tarot de Marseille vom Typ I.

Warum ein Deck aus dem 17. Jahrhundert wichtig ist

Tarotgeschichte wird oft über berühmte Namen und vertraute Bildfolgen erzählt. Die erhaltenen Gegenstände ergeben ein weniger geradliniges Bild: Ein Deck kann einem Hersteller zugeschrieben und durch eine Inschrift datiert sein, während Auftraggeber, Spieler und Verbreitung seines Musters unbekannt bleiben.

Bevor das Vachier-Deck in die BnF-Sammlung kam, galt das um 1650 in Paris gedruckte Noblet-Tarot dort als einziges bekanntes Beispiel des Marseille-Musters aus dem 17. Jahrhundert. Noblet bleibt bedeutend; der neue Fund verändert lediglich den Vergleich. Nun kennen wir ein mehr als zehn Jahre älteres, in Marseille hergestelltes Deck sowie einen dort zwischen 1632 und 1668 belegten Kartenmacher. Die BnF vermutet außerdem, dass Vachiers Druckstöcke später von Jean-Pierre Payen wiederverwendet wurden, der 1743 ein weiteres Tarot druckte. Das ist eine begründete Zuschreibung, kein erhaltenes Werkstattbuch, das jeden Schritt belegt.

Ein Spieldeck vor dem Wahrsagebild

Die Karten helfen, zwei Entwicklungen auseinanderzuhalten. Tarot wurde lange als Kartenspiel verwendet, bevor es weithin mit Wahrsagerei verbunden wurde. Laut BnF diente das Tarot de Marseille zunächst der Unterhaltung; seine spätere Deutung als Orakelobjekt entstand in jüngeren Traditionen.

Die 78 Karten und die vertrauten Farben belegen eine gedruckte Spielkarte und eine Designtradition. Sie beweisen nicht, dass Menschen im 17. Jahrhundert die Karten so deuteten wie heutige Tarotleser. Aussagen über damalige Deutungen benötigen eigene, zeitgenössische Quellen.

Was der Fund ändert – und was nicht

Das Vachier-Tarot verschiebt die dokumentierte Produktion des Marseille-Musters auf 1639 zurück und liefert ein seltenes vollständiges Objekt mit Herstellerzuschreibung und Datum. Zugleich zeigt es: „Tarot de Marseille“ bezeichnet ein Muster und eine spätere historische Kategorie, nicht zwingend ein Deck, das zuerst in Marseille erfunden wurde. Die BnF hält Lyon für einen möglichen wichtigen Ursprungsort des Modells; später wurde in mehreren französischen Städten produziert.

Der Fund klärt weder den Ursprung des Tarots noch begründet er ein einziges Urdesign. Er macht moderne Deutungen auch nicht zu Tatsachen des 17. Jahrhunderts. Präziser gesagt: Historiker können nun ein weiteres gut erhaltenes Objekt mit Noblet, Viéville und anderen frühen Decks vergleichen.

Eine gute historische Korrektur ersetzt also keinen Mythos durch einen neuen. Sie aktualisiert den Forschungsstand, benennt die Belege und lässt offene Fragen sichtbar.

Quellen

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