Warum ein Deck aus dem 17. Jahrhundert wichtig ist
Tarotgeschichte wird oft über berühmte Namen und vertraute Bildfolgen erzählt. Die erhaltenen Gegenstände ergeben ein weniger geradliniges Bild: Ein Deck kann einem Hersteller zugeschrieben und durch eine Inschrift datiert sein, während Auftraggeber, Spieler und Verbreitung seines Musters unbekannt bleiben.
Bevor das Vachier-Deck in die BnF-Sammlung kam, galt das um 1650 in Paris gedruckte Noblet-Tarot dort als einziges bekanntes Beispiel des Marseille-Musters aus dem 17. Jahrhundert. Noblet bleibt bedeutend; der neue Fund verändert lediglich den Vergleich. Nun kennen wir ein mehr als zehn Jahre älteres, in Marseille hergestelltes Deck sowie einen dort zwischen 1632 und 1668 belegten Kartenmacher. Die BnF vermutet außerdem, dass Vachiers Druckstöcke später von Jean-Pierre Payen wiederverwendet wurden, der 1743 ein weiteres Tarot druckte. Das ist eine begründete Zuschreibung, kein erhaltenes Werkstattbuch, das jeden Schritt belegt.
Ein Spieldeck vor dem Wahrsagebild
Die Karten helfen, zwei Entwicklungen auseinanderzuhalten. Tarot wurde lange als Kartenspiel verwendet, bevor es weithin mit Wahrsagerei verbunden wurde. Laut BnF diente das Tarot de Marseille zunächst der Unterhaltung; seine spätere Deutung als Orakelobjekt entstand in jüngeren Traditionen.
Die 78 Karten und die vertrauten Farben belegen eine gedruckte Spielkarte und eine Designtradition. Sie beweisen nicht, dass Menschen im 17. Jahrhundert die Karten so deuteten wie heutige Tarotleser. Aussagen über damalige Deutungen benötigen eigene, zeitgenössische Quellen.
Was der Fund ändert – und was nicht
Das Vachier-Tarot verschiebt die dokumentierte Produktion des Marseille-Musters auf 1639 zurück und liefert ein seltenes vollständiges Objekt mit Herstellerzuschreibung und Datum. Zugleich zeigt es: „Tarot de Marseille“ bezeichnet ein Muster und eine spätere historische Kategorie, nicht zwingend ein Deck, das zuerst in Marseille erfunden wurde. Die BnF hält Lyon für einen möglichen wichtigen Ursprungsort des Modells; später wurde in mehreren französischen Städten produziert.
Der Fund klärt weder den Ursprung des Tarots noch begründet er ein einziges Urdesign. Er macht moderne Deutungen auch nicht zu Tatsachen des 17. Jahrhunderts. Präziser gesagt: Historiker können nun ein weiteres gut erhaltenes Objekt mit Noblet, Viéville und anderen frühen Decks vergleichen.
Eine gute historische Korrektur ersetzt also keinen Mythos durch einen neuen. Sie aktualisiert den Forschungsstand, benennt die Belege und lässt offene Fragen sichtbar.
Quellen
- Bibliothèque nationale de France, „Un tarot qui rebat les cartes“, Sammlungsgeschichte und Objektbeschreibung.
- Bibliothèque nationale de France, Tarot de Jean Noblet, Objektdatensatz.
- Victoria and Albert Museum, Geschichte der Tarotkarten, Überblick zu Spiel und späterer Wahrsagetradition.