Das Wort „trionfi“ ist älter als der vertraute Name
Quellen des 15. Jahrhunderts verwendeten trionfi für das Spiel und seine besonderen Karten; das Wort „Tarot“ setzte sich später durch. Die heute geläufigen Namen waren also nicht unbedingt die Bezeichnungen der ersten Spieler.
Auch Petrarcas Gedicht I Trionfi gehört zur Diskussion. Seine allegorische Folge – Liebe, Keuschheit, Tod, Ruhm, Zeit und Ewigkeit – weist auffällige Parallelen zu manchen Tarottrümpfen auf. Plebani behandelt das Gedicht als möglichen gedanklichen Rahmen. Eine Parallele beweist aber nicht, dass die Karten direkt daraus übernommen wurden. Der Zusammenhang ist ein historisches Argument, das Texte, Bilder und höfische Kultur vergleicht.
Was dokumentiert ist und was erschlossen wird
Die materiellen Zeugnisse zeigen, dass frühe Tarotdecks Farbkarten mit einer Trumpffolge verbanden und viele ihrer Figuren bereits aus der europäischen Bildwelt bekannt waren. Die Forschung bringt diese Verbindung mit öffentlicher Festkultur und dem Interesse der Humanisten an antiken und volkssprachlichen Texten zusammen.
Eine vollständige Anleitung der ersten Hersteller, die jede Karte einer bestimmten Prozession zuordnet, ist nicht erhalten. Frühe Decks sind häufig unvollständige Luxusobjekte; ihre Bildgeschichte wird anhand von Handschriften, Gemälden, Gedichten und Archivmaterial rekonstruiert.
Darum ist die vorsichtige Aussage angemessen: Triumphale Festzüge könnten die Bildsprache und Reihenfolge früher Trümpfe mitgeprägt haben. Zu weit ginge es, Tarot schlicht als Kartenversion von Petrarcas Gedicht zu bezeichnen oder jeder Karte eine nachgewiesene Renaissancebedeutung zuzuschreiben.
Eine Folge aus vertrauten Bildern
Die aufschlussreichste Idee ist nicht, dass eine einzige Quelle jede Karte erklärt. Die Eigenständigkeit des Tarots könnte vielmehr in der Anordnung liegen: Tugenden, Herrscher, Tod, Glück und weitere Personifikationen waren bereits bekannt. In einer geordneten Folge neben den vier Farben entstand daraus eine neue Art, mit diesen Bildern zu spielen und sie zu betrachten.
Die Triumphzug-Theorie erklärt, weshalb frühes Tarot wie ein Zug sozialer, moralischer und kosmischer Figuren wirkt. Zugleich bleibt sie eine Hypothese, die an Objekten und Texten geprüft wird. Eine vielschichtige Entstehungsgeschichte ist interessanter als ein einfacher Ursprungsmythos – und manche ihrer Fragen sind weiterhin offen.
Quellen
- National Gallery of Art, Paolo Plebani, „Ludus triumphorum“, Forschungsüberblick.
- Tim Husband, The Metropolitan Museum of Art, „Before Fortune-Telling“, 2016.
- Bibliothèque nationale de France, Tarots de tous types, Sammlungsübersicht.