Tarot lernen
Tarotkarten deuten lernen: Symbol, Zahl, Farbe und Kontext
26. September 2026 · TarotCards24
Auf der Acht der Münzen sitzt ein Handwerker an seiner Werkbank. Eine Münze bearbeitet er gerade, die übrigen hängen sichtbar in einer Reihe. Das ist zunächst nur die Beobachtung. Erst die Verbindung mit der Frage macht daraus eine Deutung: Übung, wiederholte Arbeit, Sorgfalt — oder die Gefahr, sich in der Ausführung zu verlieren.
Genau diese Reihenfolge lässt sich lernen. Eine brauchbare Tarotdeutung entsteht nicht aus einem einzelnen Schlüsselwort und auch nicht aus einem angeblich festen Farbcode. Sie verbindet sichtbare Handlung, Kartenstruktur, Frage, Position und System. Die folgende Methode ist für Rider–Waite–Smith formuliert; bei Marseille oder Thoth müssen Bildsprache und Quellen neu geprüft werden.
Die Fünf-Schritte-Methode
- Bild beschreiben: Was ist tatsächlich zu sehen — Personen, Gegenstände, Bewegung, Blickrichtung und Abstand?
- Struktur bestimmen: Große oder Kleine Arkana, Farbe, Zahl beziehungsweise Hofrang und aufrechte oder umgekehrte Lage.
- Akzente prüfen: Welche Formen, Farben oder Wiederholungen lenken in genau dieser Ausgabe die Aufmerksamkeit?
- Kontext einsetzen: Welche Frage wurde gestellt und welche Aufgabe hat die Position im gewählten Legesystem?
- Einen Satz formulieren: Was beschreibt die Karte hier als Dynamik, Ressource, Risiko oder nächsten sinnvollen Schritt?
Lesen Sie erst danach eine Referenzbedeutung. So prüfen Sie die eigene Beobachtung, ohne die Karte nur mit einem auswendig gelernten Etikett zu überkleben.
1. Das Bild lesen, ohne es sofort zu erklären
Beginnen Sie mit Substantiven und Verben: „Eine Person bearbeitet eine Münze“, „sechs Münzen hängen bereits“, „eine Stadt liegt im Hintergrund“. Vermeiden Sie im ersten Durchgang Wörter wie Erfolg, Schicksal oder Transformation. Das sind bereits Deutungen.
Drei Fragen reichen meistens:
- Was tut die Hauptfigur?
- Wohin geht Aufmerksamkeit oder Bewegung?
- Was ist nah, fern, geordnet, blockiert oder im Ungleichgewicht?
Dieses Vorgehen passt besonders gut zum Rider–Waite–Smith-Deck. Das Victoria and Albert Museum weist darauf hin, dass Pamela Colman Smith auch die Zahlenkarten der Kleinen Arkana vollständig bebilderte. Dadurch tragen Handlung und Szene mehr Information als in vielen älteren Pip-Karten, die hauptsächlich die Anzahl der Farbzeichen zeigen.
2. Zahl, Farbe und Hofrang als Struktur nutzen
Die Zahl ist zuerst eine Position innerhalb der Kartenfarbe: Acht der Münzen, nicht einfach „die Acht“. Ein numerologisches Modell kann später helfen, ist aber eine zusätzliche Schicht und keine universelle Übersetzung. Dieselbe Zahl verhält sich in Schwertern, Kelchen, Stäben und Münzen nicht automatisch gleich.
Für eine erste Rider–Waite–Smith-Lesart genügt eine nüchterne Arbeitsordnung:
| Struktur | Praktische Leitfrage |
|---|---|
| Große Arkana | Welches übergeordnete Thema oder welcher Wendepunkt prägt die Situation? |
| Stäbe | Wo entstehen Antrieb, Initiative, Richtung oder Überlastung? |
| Kelche | Wie werden Beziehung, Gefühl, Bindung oder Vorstellung erlebt? |
| Schwerter | Welche Entscheidung, Spannung, Grenze oder geistige Haltung wirkt? |
| Münzen | Welche greifbaren Ressourcen, Arbeitsschritte, Körper- oder Geldfragen zählen? |
| Hofkarte | Beschreibt sie eine Person, eine Rolle, eine Haltung oder die Art des Handelns? |
Diese Tabelle ist eine moderne redaktionelle Arbeitshilfe. Waite selbst gibt in The Pictorial Key to the Tarot konkrete Bilder und divinatorische Bedeutungen für einzelne Karten; er liefert keinen einfachen Ein-Wort-Code, mit dem jede Zahl mechanisch in jeder Farbe identisch gelesen werden könnte.
3. Farbe als Akzent lesen, nicht als Wörterbuch
Farbe ist nützlich, wenn sie im Bild eine Beziehung sichtbar macht: Ein rotes Kleid hebt eine Figur vom ruhigen Hintergrund ab; gelbe Flächen können den Blick bündeln; wiederholtes Blau kann mehrere Bildelemente verbinden. Daraus folgt jedoch nicht, dass „Rot immer Leidenschaft“ oder „Blau immer Spiritualität“ bedeuten muss.
Tarotdecks wurden über Jahrzehnte neu gedruckt und künstlerisch verändert. Das V&A dokumentiert historische und moderne Decks mit deutlich unterschiedlicher Bildsprache. Arbeiten Sie deshalb mit relativen Fragen: Welche Farbe dominiert diese Karte? Wo bricht eine Farbe das Muster? Wiederholt sie sich in den Nachbarkarten? So bleibt die Beobachtung an der konkreten Ausgabe gebunden.
4. Frage und Position verändern die Lesart
Eine Karte beantwortet nicht jede Frage auf dieselbe Weise. Die Acht der Münzen kann bei „Was hilft mir im Beruf?“ für Übung und saubere Ausführung stehen. Bei „Was geschieht in dieser Beziehung?“ kann sie fragen, ob beide Seiten regelmäßig etwas investieren. In der Position „Hindernis“ kann dieselbe Karte auf Perfektionismus oder endlose Detailarbeit hinweisen.
Schreiben Sie deshalb vor dem Ziehen zwei Dinge auf: die genaue Frage und die Bedeutung jeder Position. „Was sollte ich in den nächsten zwei Wochen bei der Zusammenarbeit beachten?“ ist auswertbarer als „Was kommt auf mich zu?“
5. Aus den Schichten einen prüfbaren Satz bauen
Nutzen Sie diese Satzform:
„In der Position [Aufgabe der Position] zeigt [Karte] durch [sichtbare Handlung oder Struktur], dass [Dynamik]. Hilfreich ist [konkreter Schritt]; riskant wäre [Übertreibung oder Blockade].“
Für die Acht der Münzen im beruflichen Rat könnte daraus werden: „Als Rat zeigt die Acht der Münzen durch die wiederholte Handarbeit, dass Fortschritt gerade aus Übung und Qualitätskontrolle entsteht. Hilfreich ist ein klarer Arbeitsdurchgang; riskant wäre, vor lauter Verbesserung nie fertig zu werden.“ Dieser Satz ist konkreter als „Fleiß“ und bleibt trotzdem offen genug für die tatsächliche Situation.
Umgekehrte Karten erst aus der Grundbewegung ableiten
Eine umgekehrte Karte braucht kein zweites, völlig unabhängiges Wörterbuch. Bestimmen Sie zuerst die Grundbewegung der aufrechten Karte. Prüfen Sie dann vier Möglichkeiten: Ist sie blockiert, verzögert, übertrieben oder nach innen gerichtet?
Bei der Acht der Münzen kann das mangelnde Übung, stockende Fertigstellung, übertriebene Detailkontrolle oder stilles Lernen ohne sichtbares Ergebnis bedeuten. Welche Variante passt, entscheidet wieder der Kontext. Eine umgekehrte Karte ist nicht automatisch „schlecht“.
Mehrere Karten: erst Einzelsätze, dann Übergänge
Bei drei Karten formulieren Sie zunächst drei kurze Sätze nach derselben Methode. Erst danach lesen Sie die Verbindung:
- Verstärkung: Zwei Karten zeigen dieselbe Richtung mit verschiedenen Bildern.
- Spannung: Eine Karte drängt, die andere bremst oder verlangt eine Grenze.
- Entwicklung: Die Handlung geht von Zustand A über eine Entscheidung zu Zustand B.
- Fehlende Ebene: Viele Schwerter, aber keine Münzen können anzeigen, dass viel gedacht und wenig praktisch umgesetzt wird.
Mehr Hilfe dazu bietet die Anleitung zur 3-Karten-Legung. Einzelne Karten können Sie anschließend im Nachschlagewerk mit allen 78 Bedeutungen prüfen.
Arbeitsblatt für jede neue Karte
- Meine Frage lautet: …
- Die Position bedeutet: …
- Ich sehe, ohne zu deuten: …
- Kartenart, Farbe, Zahl oder Rang: …
- Der auffälligste Kontrast ist: …
- Die zentrale Dynamik könnte sein: …
- Ressource: … / Risiko: …
- Ein konkreter nächster Schritt: …
- Abgleich mit der Referenzbedeutung: …
Notieren Sie den ersten Satz vor dem Nachschlagen. Wenn Sie später das Ergebnis ergänzen, wird daraus ein brauchbarer Eintrag im Tarot-Tagebuch.
Quellen und redaktionelle Einordnung
- A. E. Waite: The Pictorial Key to the Tarot (1910) — Primärtext zu Bildsymbolik, Einzelbedeutungen und Legemethoden des Rider–Waite–Smith-Systems.
- Victoria and Albert Museum: A history of tarot cards — Museumsquelle zur Entwicklung der Bildsprache und zu Pamela Colman Smiths vollständig illustrierten Zahlenkarten.
- Victoria and Albert Museum: The Fool aus dem Rider–Waite–Smith-Deck — Sammlungsdatensatz einer von Pamela Colman Smith gestalteten Karte aus der 1910 gedruckten Ausgabe.
Faktenprüfung und deutsche Sprachredaktion wurden am 26. September 2026 in zwei getrennten automatisierten Durchgängen ausgeführt. Eine menschliche Prüfung durch eine deutschsprachige Fachredaktion wird nicht behauptet.
Häufige Fragen
Muss ich alle 78 Tarotkarten auswendig lernen?
Nein. Lernen Sie zuerst, Beobachtung und Deutung zu trennen. Mit Bildhandlung, Kartenstruktur, Frage und Position können Sie eine belastbare erste Lesart bilden und anschließend im Nachschlagewerk prüfen.
Hat jede Farbe im Tarot eine feste Bedeutung?
Nein. Farbe kann innerhalb einer konkreten Karte einen Akzent setzen, aber es gibt keinen für alle Decks verbindlichen Farbcode. Vergleichen Sie deshalb zuerst Kontraste und Wiederholungen im tatsächlich verwendeten Deck.
Was bedeutet die Zahl einer Tarotkarte?
Die Zahl zeigt zunächst den Rang innerhalb einer Farbe. Numerologische Deutungen sind zusätzliche Modelle verschiedener Schulen; sie ersetzen weder das Kartenbild noch die konkrete Bedeutung im gewählten System.
Wie verbinde ich mehrere Karten in einer Legung?
Formulieren Sie zuerst für jede Position einen kurzen Satz. Lesen Sie danach die Übergänge zwischen den Sätzen: Verstärken sich die Karten, widersprechen sie sich oder zeigt eine Karte den nächsten Schritt?